Vogel mit Wurm

Offener Brief an die Senator:innen zur Bremer Drogenpolitik

Wir haben uns zusammen getan mit dem Güterbahnhof Bremen e.V., Rotkäppchens Garten e.V. und Kulturzentrum Schlachthof e.V und haben als Kulturschaffende und Stadtgärtner:innen einen Brief an die Senator:innen Bernhard (Gesundheit), Schilling (Soziales und Justiz), Högl (Inneres), Ünsal (Bau und Stadtentwicklung) und Fecker (Finanzen) verfasst. Mit diesem wollen wir gemeinsam darauf aufmerksam machen, dass die Hilfsangebote für suchtkranke, wohungs- und obdachlose Menschen weiterhin benötigt werden und viel schneller als bisher ausgebaut und langfristig finanziert werden müssen. Sucht ist ein menschliches Phänomen – kein moralisches Versagen und als Gesellschaft sind wir verpflichtet zu helfen. Doch wir Kulturschaffenden sind dafür nicht ausgebildet und mit einer offenen Drogenszene überfordert. Im Folgenden lest ihr unseren gemeinsamen Brief sowie unser Statement als KulturPflanzen an die Senator:innen.

Gemeinsamer, offener Brief

Sehr geehrte Senatorin Bernhard,
sehr geehrte Senatorin Schilling,
sehr geehrte Senatorin Högl,
sehr geehrte Senatorin Ünsal,
sehr geehrter Senator Fecker,

wir, Aktive und Mitarbeitende des Güterbahnhofs (Bahnhofsvorstadt), der KulturPflanzen (Neustadt), des Kulturzentrum Schlachthof (Findorff) und Rotkäppchens Garten (Viertel), möchten Sie über die aktuelle Situation an unseren Standorten informieren.

Insbesondere seit der sogenannten „Deeskalationspolitik“ am Bremer Hauptbahnhof im Jahr 2022 erleben wir, wie sich an unseren Standorten zunehmend eine offene Drogenszene bildet.

Diese Entwicklung stellt uns vor erhebliche Herausforderungen, die wir im Folgenden darstellen.

Dabei argumentieren wir nicht gegen Betroffene, sondern gegen unzureichende Hilfsangebote. Eine Vereinnahmung der Thematik durchs rechts kritisieren wir scharf.

Unsere Gelände werden zunehmend vermüllt und beschädigt. Dadurch können sie kaum noch als kreative Freiräume und städtische Erholungsräume genutzt werden. Besonders Angebote für Kinder sind gefährdet, da wir regelmäßig Drogenbesteck finden. Für unsere (teilweise ehrenamtlichen) Mitarbeiter:innen ist es eine erhebliche Belastung, regelmäßig Spritzen und Fäkalien zu entfernen.

Darüber hinaus sind unsere Mitarbeitenden keine Sozialarbeiter:innen und nicht für den Umgang mit einer offenen Drogenszene geschult. Verbale und körperliche Auseinandersetzungen oder Vorfälle wie unbeaufsichtigtes Feuerlegen übersteigen unsere fachlichen Kompetenzen.

Auch das Nächtigen auf unseren Außengelände stellt ein erhebliches Problem dar. Es versperrt Fluchtwege und kann gravierende gesundheitliche Folgen, bis zum Tod, haben. Auf dem Gelände des Güterbahnhofs wurden bereits Kältetote gefunden. Wenn Menschen dazu gezwungen sind im Freien zu übernachten und dabei sterben, ist dies eine Tragödie und ein strukturelles Versagen des sozialen Systems.

Eine reine Verdrängung, etwa durch wiederholtes Hinzuziehen der Polizei, führt maximal zu Verlagerung, ohne nachhaltige Lösungen zu schaffen. Wir fordern daher den Ausbau von Hilfsangeboten, wie es uns im Koalitionsvertrag zugesichert wurde.

Dort formulieren Sie auf Seite 103 unter anderem die Einrichtung einer Diamorphinambulanz, dezentraler Akzeptanzorte sowie eine rund um die Uhr geöffnete Ambulanz für crackabhängige Menschen und muttersprachliche Straßensozialarbeit.

Wir begrüßen diese angekündigten Maßnahmen, vermissen jedoch bis heute deren Umsetzung.

Statt muttersprachlicher Straßensozialarbeit erleben wir kurzfristige Projektfinanzierungen, die nachhaltigen Beziehungsaufbau und eine wirksame Vermittlung in Hilfsangebote erschweren.

Auch mangelt es an den im Koalitionsvertrag angekündigten dezentralen Standorten der Drogenhilfe, „um größere Szenebildungen und eine unkontrollierte Verdrängung zu verhindern“ (S. 9 und S. 103). In der Realität haben sich längst Szenen gebildet, die teilweise auch in Wohnquartieren aktiv sind. Entsprechende Hilfsangebote wurden dort allerdings nicht bereitgestellt.

Wir möchten von Ihnen erfahren, welche konkreten Schritte vorgesehen sind, um die im Koalitionsvertrag formulierten Zusagen umzusetzen.

Weiterhin fordern wir:

  • die umgehende Einrichtung, Ausstattung und Finanzierung dezentraler Akzeptanz- und Aufenthaltsorte für wohnungslose und substanzabhängige Menschen in verschiedenen Stadtteilen
  • eine dauerhaft finanzierte, niedrigschwellige und muttersprachliche Straßensozialarbeit
  • den zügigen Aufbau einer 24/7 erreichbaren Ambulanz für crack-abhängige Menschen
  • klare Zuständigkeiten und feste Ansprechpartner:innen für Einrichtungen wie die unseren
  • kurzfristige Entlastungsmaßnahmen für die betroffenen Kultur- und Freiraumorte, z. B. mobile Toiletten, regelmäßige Reinigungen, sichere Entsorgungsmöglichkeiten für Drogenbesteck
  • einen transparenten Zeitplan zur Umsetzung der im Koalitionsvertrag angekündigten Maßnahmen.

Wir sind überzeugt, dass nur ein konsequent sozialpolitischer Ansatz sowohl den betroffenen Menschen als auch den Stadtteilen und Einrichtungen gerecht werden kann. Gern stehen wir für einen Austausch oder ein Gespräch zur Verfügung.

Mit freundlichen Grüßen

KulturPflanzen e.V.,
Güterbahnhof Bremen e.V.,
Rotkäppchens Garten e.V. und
Kulturzentrum Schlachthof e.V

Unser Statement an die Senator:innen

Sehr geehrte Senatorin Bernhard,
sehr geehrte Senatorin Schilling,
sehr geehrte Senatorin Högl,
sehr geehrte Senatorin Ünsal,
sehr geehrter Senator Fecker,

mit diesem Schreiben nehmen wir, der KulturPflanzen e.V. – Träger von KlimaWerkStadt und Stadtgarten Ab geht die Lucie – Stellung zur aktuellen Situation des Crack- und Mischkonsums im Bremer Stadtgebiet, insbesondere aus der Perspektive unserer Erfahrungen in der Neustadt. Anlass ist die anhaltende Überforderung zivilgesellschaftlicher Projekte und Ehrenamtlicher sowie das Ausbleiben der im Koalitionsvertrag vereinbarten Maßnahmen in der Drogenpolitik und Suchthilfe.

Das Jahr 2023 stellte für unseren Verein eine erhebliche Belastung dar. Die stark angewachsene offene Drogenszene rund um den Lucie-Flechtmann-Platz führte dazu, dass unser Garten- und Bildungsprojekt zeitweise in seiner Existenz bedroht war. Der Platz war für viele Besucher*innen – insbesondere für Kinder, Jugendliche und Familien – nicht mehr zugänglich; Nachbar*innen blieben fern, Ehrenamtliche zogen sich zurück und Bildungsangebote konnten dort nicht mehr stattfinden.

Nur durch eine enorme zusätzliche Anstrengung vieler Beteiligter und der guten Zusammenarbeit mit dem Beirat Neustadt/Woltmershausen konnte eine Zwischenlösung gefunden werden. Der Umzug des Unterstands vom Lucie-Flechtmann-Platz zum Hohentorsplatz hat unser Gartenprojekt kurzfristig stabilisiert, stellt jedoch keine nachhaltige Lösung dar. Die Situation der suchtkranken Menschen wurde dadurch kaum verbessert, sondern räumlich verlagert.

Auch der derzeitige Containerstandort am Hohentorsplatz bietet keine ausreichende Versorgung. Es fehlen weiterhin niedrigschwellige, bedarfsgerechte Angebote wie betreute Konsummöglichkeiten, Schutz vor Witterung sowie eine verlässliche medizinische und soziale Begleitung. Die bestehenden Probleme setzen sich fort.

Wir begrüßen ausdrücklich, dass die Beirätekonferenz mit ihrem Antrag vom September 2025 konkrete und fachlich fundierte Forderungen an die Stadtbürgerschaft herangetragen hat. Den darin formulierten Forderungen schließen wir uns ausdrücklich an.

Im Koalitionsvertrag von 2023 wurden bereits wichtige Maßnahmen und Handlungsoptionen beschlossen, deren Umsetzung wir jedoch bis heute vermissen. An eine zeitnahe Realisierung wollen wir deshalb im Folgenden erinnern und aufzeigen, wo wir darüber hinaus noch Handlungsbedarf sehen.

Wir begrüßen im Koalitionsvertrag die klare Benennung der Drogenproblematik mit der steigenden Anzahl an Menschen mit Suchterkrankung in Bremen und das Signal der Koalition, sich dieser Problematik systematisch widmen zu wollen. Die Koalition benennt hier sowohl die Weiterführung und Ausweitung bestehender Angebote (Öffnungszeiten des Konsumraums, Housing first, Unterstützungssysteme und muttersprachliche Streetworker:innen etc.) als auch die Umsetzung neuer Angebote (moderierte Akzeptanzorte, neue Konsumräume und Diamorphinambulanz, Drug-Checking).

-> Bislang ist jedoch keine Umsetzung erkennbar. Wir möchten wissen, welche Schritte konkret vorgesehen sind.

Die Koalition schreibt im Koalitionsvertrag, sie möchte „Angebote der Drogenhilfe auf die Stadtteile verteilen, um größere Szenenbildungen und eine unkontrollierte Verdrängung der Suchtkranken zu verhindern“ (S. 9 und S. 103). Hier möchten wir betonen, dass sich neben dem Hauptbahnhof bereits mehrere Drogenhotspots gebildet haben. Als Konsequenz der Fokussierung auf den Hauptbahnhof wurden die Suchtkranken verstärkt in weitere Stadtteile und Wohnquartiere verdrängt und die Szenebildung ist längst erfolgt!

-> Die angekündigten stadtteilbezogenen Angebote der Drogenhilfe sind unabdingbar und wir fragen nach, welche Fortschritte bei der Umsetzung dieser im Koalitionsvertrag genannten Maßnahme bisher erzielt wurden.

Die Koalition verspricht, bis 2025 „mindestens einen weiteren dezentralen Konsumraum einzurichten, um eine fortgesetzte Ballung dieser Gruppe am Hauptbahnhof zu vermeiden“ (S.103 und S. 118).

-> Das Jahr 2025 ist nun vorbei und bislang ist keine Umsetzung erkennbar. Wir möchten wissen, welche Schritte konkret vorgesehen sind, und bitten um Klarheit darüber, in welchem zeitlichen Rahmen diese Vereinbarung realisiert wird.

Zudem wollen wir betonen: Ein weiterer Drogenkonsumraum ist für die wachsende Drogenszene nicht ausreichend und wird der Situation, dass sich bereits jetzt in weiteren Bremer Stadtteilen offene Szenen gebildet haben, nicht gerecht!

Wir brauchen dringend weitere dezentrale Akzeptanzorte in den Stadtteilen, die fachlich betreut und mit einer angemessenen Infrastruktur ausgestattet sind. Das Beispiel des im vergangenen Jahr am Hohentorspark in der Neustadt eingerichteten Akzeptanzortes hat klar gezeigt, wie wirksam ein solcher Ansatz sein kann: Der Ort wurde von den Konsument*innen angenommen, Suchtkranke konnten durch die Streetwork-Teams der Inneren Mission begleitet und unterstützt werden, und die Situation im Stadtteil und innerhalb der Szene hat sich beruhigt – und das, obwohl dort lediglich eine Minimalform eines Akzeptanzortes realisiert wurde.

Für eine wirksame Drogenhilfe bräuchte es jedoch deutlich mehr: An jedem dezentralen Szenetreff sollten ein dauerhaft geöffneter Drogenkonsumraum, angeschlossene Aufenthaltsräume, ein angemessener Akzeptanzort im öffentlichen Raum sowie Regenerationsmöglichkeiten zur Verfügung stehen.

Im Zuge sofortiger Maßnahmen sind für uns insbesondere folgende Schritte unverzichtbar:

  • die verlässliche Finanzierung und Verstetigung von Streetwork-Teams
  • die schnelle Einrichtung weiterer dezentraler Akzeptanzorte in den betroffenen Stadtteilen,
  • regelmäßige Reinigung, Sicherung und Gefahrenbeseitigung im Umfeld öffentlicher Orte.

Darüber hinaus erscheint es dringend notwendig, eine stadtteilübergreifende Koordination zu gewährleisten, damit Maßnahmen in einem Stadtteil nicht zu Verlagerungseffekten in andere Quartiere führen.

Für Gespräche stehen wir jederzeit zur Verfügung und arbeiten gerne an konstruktiven Lösungen mit.