Das Thema Drogenkonsum und Drogenmissbrauch begleitet uns auf der Lucie schon seit Langem. In der Neustadt, wo sich der Lucie-Garten befindet, wird der Umgang mit Menschen mit Konsumstörung seit Jahren heiß diskutiert und eine langfristige, menschenwürdige Lösung ist bisher nicht in Sicht. Als Akteure im Stadtteil und insbesondere im öffentlichen Raum haben wir Lucie-Gärtner:innen und auch unser Verein KulturPflanzen e.V. schon mehrfach dazu Stellung bezogen.
Wir begrüßen es deshalb sehr, dass der Beirat Neustadt am 4.12.2025 nun erneut beschließen konnte, dass der aktuell am Hohentorspark eingerichtete Aktzeptanzort dort auch weiterhin Bestand haben darf.
Hier möchten wir gern unser Statement teilen, das wir für die Sitzung vorbereitet hatten, das aus Zeitgründen jedoch nicht vorgetragen werden konnte:
Beiratssitzung 4.12.2025 – Statement zum möglichen Wegfall des Konsumakzeptanzortes am Hohentorspark
Lieber Beirat, liebe Menschen aus dem Stadtteil,
es ist nun fast genau zwei Jahre her, dass der Unterstand auf dem Lucie-Flechtmann-Platz, der als Szenetreff besonders für alkoholkranke Menschen dienen sollte und von und mit diesen gebaut wurde, abgebrannt ist – und das schon zum zweiten Mal. Dieses unschöne Ereignis war damals Ende 2023 der traurige Höhepunkt eines Jahres voller Unsicherheiten, Überforderung und Unmut:
Unsicherheit, wie es mit dem ehrenamtlich getragenen Garten weitergehen sollte.
Überforderung durch die wachsende Crackszene, die mangels Alternativen die Lucie nutzte.
Unmut aus der Nachbarschaft über Vermüllung, Vandalismus, Beschaffungskriminalität und Bettelei – der sich teilweise auf uns projizierte.
Als Lucies wissen wir also, was es heißt, wenn sich eine offene Drogenszene im direkten Umfeld etabliert.
Heute müssen wir anerkennen, dass es am neuen Standort im Hohentorspark weiterhin ähnliche Probleme gibt. Es wurde verlagert und eine dauerhafte Lösung in Form einer Immobilie bisher nicht gefunden. Gleichzeitig hören wir von Polizei und Streetworker:innen, dass sich die Lage im Stadtteil durch die Einrichtung des Akzeptanzortes am Hohentorspark insgesamt deutlich entspannt hat.
Nun die Frage: Was passiert, wenn es künftig überhaupt keinen Unterstand mehr geben wird? Wir wissen, dass die Probleme dann nicht weg sind – sie verteilen sich nur unkontrolliert. Ein Unterstand ist keine Gesamtlösung, aber sein Wegfall garantiert neue Konflikte.
An dieser Stelle großen Dank an den Beirat und die Beirätekonferenz für ihren unermüdlichen Einsatz. Wir hoffen, dass Sie weiter am Ball bleiben. Dass im Septmeber erstmals in der Geschichte ein Antrag der Beirätekonferenz in der Bürgerschaft eingebracht wurde, um eine integrierte Drogenhilfestrategie in den Quartieren sicher zu stellen und auszubauen, zeigt wie dringlich die Lage ist.
Denn es ist menschenunwürdig, Menschen ohne Lobby, die Hilfe brauchen, einfach immer weiter zum Spielball zu machen.
Offene Drogenszenen gibt es auch in Gröpelingen, in Mitte, in Bremen-Nord und an vielen anderen Orten. Überall brauchen Suchtkranke Unterstützung – doch ebenso die Nachbar:innen, die mit den Belastungen leben müssen.
Wir stehen im engen Austausch mit anderen Gartenprojekten und Kulturschaffenden in Bremen. Viele berichten über dieselben Erfahrungen: Beschaffungskriminalität, aggressive Situationen, Vermüllung, Vandalismus – und davon, dass in ihren Gärten und vor ihren Türen übernachtet, uriniert oder gekotet wird. Die Herausforderungen sind stadtweit, und sie werden größer.
Nachdem wir immer über „die Suchtkranken“ sprechen, möchten wir Sie alle hier im Raum kurz einladen, sich selbst die Frage zu stellen:
Wie süchtig bin ich eigentlich?
Nach Kaffee? Zucker? Dem Feierabendbier? Tabak? Social Media?
Der Ruf nach völliger Abstinenz ist genauso unrealistisch wie die Vorstellung, Probleme durch Verdrängung im öffentlichen Raum lösen zu können. Sucht ist ein menschliches Phänomen – kein moralisches Versagen. Umso wichtiger sind Konsumakzeptanzorte außerhalb von Freimarkt, Diskotheken und Kneipen.
Doch auch wir müssen selbstkritisch sagen:
Auf der „kleinen Lucie“, wo der Container früher einmal stand, wird ein Unterstand nicht mehr möglich sein. Der Platz ist zu klein, die Belastung zu groß und im Frühjahr wird die Fläche entsiegelt und begrünt. Deshalb braucht es jetzt schnell eine dauerhafte Lösung – doch ein Unterstand als Übergangslösung bleibt zwingend notwendig, damit sich die Situation im Stadtteil nicht wieder zuspitzt wie 2023.
Wir wünschen uns einen Stadtteil, der Verantwortung teilt statt abschiebt. Der Unterstützung organisiert und Druck an den richtigen Stellen macht, nicht bei den Schwächsten der Gesellschaft. Der soziale Herausforderungen gemeinsam angeht – und nicht von einem Ort zum nächsten schiebt.
Und wir wünschen uns, dass wir als Stadtteil im Gespräch bleiben, dass sich die Fronten nicht weiter verhärten und dass wir gemeinsam Lösungen entwickeln, wenn es die Politik allein nicht schafft. Als KulturPflanzen laden wir gern wieder in die KlimaWerkStadt ein – um an die runden Tische von 2023 anzuknüpfen. Der bestehende Akzeptanzort darf nicht einfach verschwinden, ohne dass eine echte Alternative geschaffen wurde.
Vielen Dank.
